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Dorfchronik: Bauernprozess

Graf Friedrich Wilhelm zu Wied – er regierte von 1706 bis 1737 – versuchte im frühen 18. Jahrhundert die in seinem Territorium gelegenen Wälder als Energiequelle zu nutzen und sie uneingeschränkt zu herrschaftlichem Eigentum zu erklären.

Das rief die hier lebenden Bauern auf den Plan, denen der Wald ihrerseits als Lebensgrundlage diente. Die Besitzverhältnisse aber waren ungeklärt.

Mit der 1714 eingereichten Klage am Reichskammergericht in Wetzlar durch wiedische Bauern unter Federführung der Anhausener kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Bauern, herrschaftlichen Holzhauern und wiedischen Soldaten.

Oberradener Holzhauer um 1925
Das schwarz-weiße Bild zeigt 5 Holzhauer im Wald, zwei Äxte in einem Baum versenkt.
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Nach einem Zusammenstoß am 15. Oktober 1721 in Oberraden wurde dort – angeblich aus Versehen – ein Bauer erschossen.
Der wiedische Leutnant B. A. von Marteauville berichtete am 18. Oktober:
Demnach dem Fiscali [zuständige Behörde] die Anzeige geschehen, wie daß abgewichenen Mittwochen den 15ten jüngsthin bey nächtlicher Weile zwischen 8 und 9 Uhr in dem Honnenfelder Kirchspiel und zwar zu Oberrathe Thönges Erlach von allhiesigem Corporal [Unteroffizier] Busch unglücklicher Weiße durch seinen Musqueten [Vorderladergewehr] Schuß entleibet worden, hatt derselbe unter Assistenz des Herrn Lieutnants von Marteauville und um die wahre Beschaffenheit der Sache genau zu erkundigen, die zwey Grenadiers Mand und Schmidt, welche alles mit angesehen und gehöhret, vor sich kommen und auff ihr gutes Gewißen auch wie auf Obrigkeitliches Erfordern sie es mit einem leibl. Aydte behaupten könnten, sich referieren laßen, die dann unanimiter [einmütig] auf ernstl. Zureden und Befragen deponirten [bekundeten]...

Die beiden Zeugen, die Grenadiere Mand und Schmidt, gaben unter Eid zu Protokoll, dass ihr Leutnant von Marteauville Korporal Busch und fünf weiteren Soldaten den Befehl erteilt habe, die Äxte und Pfänder, die Oberradener Bauern den herrschaftlichen Holzhauern abgenommen hatten, wieder zurückzuholen und von denjenigen, die Widerstand leisten, einen oder zwei mit nach Neuwied zu bringen.

Korporal Busch und fünf weitere Soldaten begaben sich sofort nach Oberraden und verlangten die Herausgabe der gepfändeten Äxte. Der Bürgermeister folgte unverzüglich der Aufforderung. Auch zwei der vermeintlichen Rädelsführer, die die herrschaftlichen Holzhauer gepfändet hatten, konnten die Soldaten befehlsgemäß abführen.

Wiedische Grenadiere
Das Bild zeigt zweiWiedische Grenadiere im 18. Jahrhundert
(Quelle: Neuwieds Streitmacht im 18. Jahrhundert. Uniformbilder von Carl Prinz zu Wied 1830. Herausgegeben vom Fürstlich Wiedischen Archiv (Dr. Krüger), 2003.)
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Als sie das Dorf verlassen wollten, hatten sich die Bauern zusammengerottet, mit Prügeln bewaffnet und versperrten den Soldaten den Weg. Die Oberradener wollten keinesfalls zulassen, dass zwei von ihnen nach Neuwied abgeführt werden sollten.

Der Korporal versuchte die aufgebrachten Bauern zu besänftigen – jedoch erfolglos. Sie umzingelten die Soldaten und einer von ihnen schlug mit einem großen Prügel auf die Flinte des Korporals, sodass er stürzte. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, prügelte ein Bauer in der mittlerweile eingebrochenen Dunkelheit heftig auf ihn ein.

Der Korporal sah sich in Lebensgefahr und dann habe er einen Schrecken zu machen unter die Leuthe, aber nicht des Absehens jemandt zu tödten, geschossen, den Thönges Erlach aber, wie sie hörten so unglücklich, obwohl nur Schrott [Schrot] in der Flinte geweßen, getroffen, daß davon 4 Stundt hernach gestorben.

Nach diesem Vorfall lösten die Bauern ihre Zusammenrottung auf und die Soldaten konnten flüchten. Daraufhin hätten die Bauern ihnen allesambt nachgesetzt und weil zu Jahrsfeld im Wirtshaus sie zu attrapiren [ertappen] vermeinet, hätten sie das Haus gestürmet und es öffnen lassen, zu allem Glück aber sie noch ihre Cameraden, so schon vorhin weggegangen waren, daselbst gefunden, sonsten sie gewiß von ihnen würden todt geschlagen worden seyn. Quelle: FWA 103-10-2.

Das Todesopfer, Antonius Thönges Irlach (Erlach) aus Oberraden, war um 1670 in Selters geboren worden und heiratete 1695 Maria Christina Barg in der Oberhonnefelder Kirche. 1702/1703 übte er das Amt des Kirchenmeisters aus. Er hinterließ fünf Kinder.
Quelle: Kirchenbücher Oberhonnefeld (ofb-online)

Aufständige Bauern
Das schwarz-weiße Bild zeigt die empörten, aufständigen Bauern mit Sensen und Hacken bewaffnet
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